Christian Morgenstern

Christian Morgenstern, Dichter (1871-1914)

Eigenh. Brief mit Unterschrift »Christian«. Ohne Ort und Jahr [Breslau, 7. IV. 1890]. 8°. 4 Seiten.

An den späteren Schauspieler Friedrich Kayssler (1874-1945). Er schickt Geburtstagswünsche für seinen Lebensfreund, welchen er kurz zuvor, achtzehnjährig, kennengelernt hatte und dessen erste schriftstellerischen Versuche er kritisch betrachtet. Morgenstern gibt somit zugleich Einblicke in seine eigenen, frühen poetologischen Überlegungen.

»[...] indem ich in die große Festposaune, in die ja wohl schon männiglich gestoßen wurde, aus vollem Herzen - wenn auch verspätet - hineinblase, was bedeuten soll, daß selbiges Dir alles Gute wünscht [...] ich hoffe, jeder deiner folgenden Geburtstage möge vom heutigen angefangen ein Markstein auf der Bahn deines Glückes und einer großen Zukunft sein. Ich scherze nicht! Du hast ganz die Veranlagung zu einem bedeutendem Menschen, ich erwarte nur noch den Zeitpunkt, wo der allmächtige Funke berauschender Jugendleidenschaft, unzähmbaren Wissenstriebes und Thatendranges in dir eingeschlagen hat es hat noch gute Wege bis dahin, aber je später um so stürmischer! [...]

Was machst du denn für reizende Geschichten? Herzlichen Dank dafür und zugleich die Bitte, deine noch schlummernden Gedanken immer mehr zu verkörpern. Der Gedanke, den Du hier zum Ausdruck brachtest, ist großartig. Du bedauerst, daß Du das Kindliche des Stils hier nicht anbringen konntest. Wozu? Ist die Idee groß, so laß es auch die Worte sein, ja ich versichere Dich, es wirkt die Art der Märchenerzähler auf die Dauer ermüdend, schreibe richtig so weiter wie in dieser Erzählung.

 

Und Märchen? Sind es denn solche, auch im weitesten Sinne des Wortes? Meiner Ansicht nach kaum; es sind tiefe wunderbare Gedanken in gleich seltsamer Gewandung. Nur zeichne Dein nächstes Bild als blasse, krasse Wirklichkeit d. h. nicht als Traum.

Denn es ist ja an sich schon ein Traum, der da als Geschichte erzählt wird -. Doch nimm Dirs nicht als Tadel überhaupt gestatte mir völlig freie Kritik ohne davon gekränkt zu werden! So will ich dir gleich eine Probe davon geben. d. h. für die Zukunft: Werde nicht zu mystisch, hast du aber einen neuen originellen Gedanken, so sprich ihn auf alle Fälle aus! [...]«

Morgenstern wollte zunächst ebenso wie sein Vater bildender Künstler werden, schrieb sich aber zunächst für das Studium der Nationalökonomie in Breslau ein. Erst 1895, fünf Jahre nach diesem vorliegenden Brief, erschien sein erster Gedichtband.

Etwas gebräunt. Faltenbrüche mit Transparentpapierstreifen fachmännisch hinterlegt.

Briefe von Christian Morgenstern sind selten, so frühe wie hier, vor seiner schriftstellerischen Laufbahn geschrieben äußerst selten.

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